Interview mit Wolodymyr Selenskyj
Kiew – Februar 2026

Interviewer

Guten Tag, Wolodymyr Selenskyj. Vielen Dank, dass Sie uns hier in der ukrainischen Präsidentschaft in der Bankowa empfangen, wie Sie es hier nennen. Hier arbeiten Sie. Sie arbeiten genau zwei Stockwerke direkt darunter. Dort befinden sich Ihre Büros. In wenigen Tagen sind es 4 Jahre, dass Russland einen Krieg gegen Ihr Land führt, begonnen von Wladimir Putin.

Wir werden über die Verhandlungen sprechen, natürlich, aber zuerst, was uns am meisten beeindruckt hat, als wir diesen Mittwochmorgen hier ankamen, ist die Kälte. Es sind -20° draußen und trotz dieser eisigen Kälte, es ist der härteste, der eisigste Winter seit Kriegsbeginn. Und nun, die Russen haben die Energieinfrastruktur angegriffen und Hunderttausende von Ukrainern von Heizung abgeschnitten. Äh, wir haben es gesehen, die Bevölkerung zittert. Nutzt Russland die Waffe der Kälte, um Sie zu beugen?

Wolodymyr Selenskyj

Guten Tag, vielen Dank, dass Sie hier sind. Natürlich nutzt Russland die Kälte. Natürlich will Russland den Ukrainern mehr Leid zufügen, damit sie akzeptieren, was unsere amerikanischen Freunde einen Kompromiss nennen. Aber in Wirklichkeit handelt es sich um ein Ultimatum seitens Russlands.

Die Russen verstehen perfekt, dass je mehr sie die Zivilbevölkerung angreifen, je mehr sie töten, je mehr sie die Kriegsregeln brechen, desto weiter rücken sie die Perspektive eines Kompromisses zwischen der Ukraine und Russland in die Ferne.

Interviewer

Gleichzeitig, Wolodymyr Selenskyj, laufen die Verhandlungen zwischen Ihren ukrainischen Emissären, den Russen und den Amerikanern genau jetzt in Abu Dhabi. Und doch hat der Kreml heute Morgen eine Erklärung abgegeben, um zu sagen, dass er seine Offensive in der Ukraine fortsetzen wird, solange Sie nicht seine Bedingungen akzeptieren. Was antworten Sie Wladimir Putin? Ist das Erpressung?

Wolodymyr Selenskyj

Natürlich ist das Erpressung. Mein Team verhandelt derzeit. Unsere Priorität ist es, diesen Krieg zu beenden, und wir sind den Amerikanern dankbar, die heute ebenfalls in Abu Dhabi sind.

Interviewer

Der entscheidende Punkt der Verhandlungen, wie Sie mehrfach gesagt haben, sind die Gebiete, insbesondere der Donbas. Die Russen wollen, dass Sie sich aus Gebieten zurückziehen, die sie noch nicht erobert haben, wie zum Beispiel Donezk. Sie haben gesagt, das ist eine rote Linie, das sagen Sie auch heute Abend?

Wolodymyr Selenskyj

Das ist ein Nein. Wir werden uns nicht bewegen. Russland will, dass wir ihnen den gesamten Donbas überlassen. Warum? Weil sie seit Begin des Krieges keinen einzigen Sieg errungen haben. Wir Ukrainer sind uns des Preises, den jeder Meter und jeder Kilometer dieses Landes die russische Armee kostet, vollkommen bewusst. Sie zählen die Menschen nicht, die sterben. Wir sind gezwungen, das zu tun. Um die Ostukraine zu erobern, würde es sie 800.000 Leichen mehr kosten, die Leichen ihrer Soldaten. Sie bräuchten mindestens 2 Jahre mit einem sehr langsamen Fortschritt. Meiner Meinung nach werden sie so lange nicht durchhalten.

Interviewer

Aber zu welchem Zugeständnis sind Sie bereit? Sie sagen Nein zu Donezk, aber zu welchem Zugeständnis sind Sie bereit? Sind Sie bereit, Gebiete im Donbas aufzugeben?

Wolodymyr Selenskyj

Seien wir ehrlich. Wenn wir von einem eingefrorenen Konflikt sprechen, was ich nie wollte, aber wenn wir die Frontlinie einfrieren und unsere jeweiligen Positionen behalten, ist das bereits ein enormes Zugeständnis von unserer Seite.

Einige schlagen heute vor, ein bisschen so zu arbeiten, wie man ein Gericht im Restaurant auswählt. Das ist es, was man Ihnen anbietet. Aber das ist völlig falsch. Es geht um Zugeständnisse für beide Lager. Die Russen brauchen eine Pause. Wenn wir zum Beispiel über eine Wirtschaftszone sprechen, müssen unsere Militärs sich zurückziehen. Die Russen müssen das auch tun. Wenn wir über eine entmilitarisierte Zone sprechen, müssen wir die Kontrolle über unseren Teil haben, müssen ihre kontrollieren, aber zwischen uns muss eine internationale Friedenstruppe stehen.

Interviewer

Donald Trump hat heute Morgen an Wladimir Putin appelliert, man müsse den Krieg jetzt beenden, nun, offensichtlich will er den Krieg nicht beenden, da er weiterhin bombardiert. Was muss Donald Trump sagen, um Wladimir Putin gefügig zu machen?

Wolodymyr Selenskyj

Putin hat nur Angst vor Trump. Was Trump zu Putin sagen muss, ist nicht meine Sache. Wenn Präsident Trump weiß, dass Putin Angst vor ihm hat, dann kann er nicht alle Bedingungen des russischen Präsidenten akzeptieren. Präsident Trump weiß, dass er Druckmittel hat, durch die Wirtschaft, durch Sanktionen, durch Waffen, Waffen, die er uns übergeben könnte, wenn er die US-Armee nicht direkt einsetzen will. Durch unsere Armee kann er diesen Druck auf Putin aufrechterhalten. All das ist möglich. Der amerikanische Präsident will diesen Krieg mit Kompromissen beenden. Wir haben diese Vorschläge unterstützt, aber es kann keine Kompromisse bei der Frage unserer eigenen Souveränität geben.

Interviewer

Sie sagen, Wladimir Putin hat nur Angst vor eine Person: Donald Trump. Das bedeutet, er fürchtet die Europäer überhaupt nicht.

Wolodymyr Selenskyj

Angst vor den Europäern… Sie wissen, wie sehr wir Europäer sind. Sie sind unsere Partner. Sie haben uns enorm geholfen. Aber Putin hat keine Angst vor ihnen, leider.

Europa ist nicht so gewalttätig, Europa ist sehr demokratisch, Europa will jedem Land eine Stimme geben, was gerecht ist. Das ist übrigens der Grund, warum die Ukraine den Weg nach Europa wählt. Die Ukraine möchte auch in einem demokratischen Europa leben.

Interviewer

Aber genau Sie haben vor ein paar Tagen in Davos sehr harte Worte gegen die Europäer geäußert. Sie haben deren Weichheit, deren Spaltung gegeißelt. Sie haben gesagt, sie seien zersplittert. Sie sagten, Sie hätten den Eindruck, dass sie gegenüber Donald Trump verloren wirken. Die Worte sind hart. Und dennoch hilft Europa Ihnen weiter. Es hat der Ukraine seit 4 Jahren Dutzende Milliarden gegeben, in militärischer und ziviler Hilfe. Und trotzdem haben Sie den Eindruck, dass Europa weich bleibt gegenüber Putin.

Wolodymyr Selenskyj

Europa hilft der Ukraine, Europa ist sich der Herausforderungen bewusst. Aber es ist, als ob die Europäer nicht glauben könnten, dass so etwas in ihrem eigenen Land passieren kann. In Europa ist das Leben cool, es ist angenehm. Deshalb sage ich, wir alle kämpfen darum, diese Lebensweise zu verteidigen.

Aber heute ist es sehr klar: Wenn die Ukraine Putin nicht aufhält, werden die Nachbarländer die ersten Opfer sein. Russland wird vorrücken. Ihre Drohnen können tief im Hinterland operieren. Die Reichweite ihrer Raketen ist unbegrenzt. Sie können überal zuschlagen. Ich will niemandem Angst machen. Diejenigen in Europa, die das gut verstanden haben, helfen der Ukraine sehr effektiv. Aber die Länder, die es nicht erkennen, dass sich diese Tragödie gerade ereignet sagen: „Unsere Prioritäten sind innenpolitisch. Mehr für Waffen ausgeben? Das ist eine Herausforderung für unsere Gesellschaft.“ Ihr wollt das wir die Ukraine unterstützen? Unsere Wähler sagen, das erhöht die Steuern. Man muss der Ukraine helfen, wenn es so kalt ist. Während unsere Bevölkerung sagt "aber bei uns erhöhen sich die Strompreise", sie wollen sich einfach nicht all der Risiken bewußt werden, die heute existieren.

Interviewer

In Davos haben Sie auch gesagt, dass mit Donald Trump der Dialog manchmal schwierig war. Wie läuft ein Gespräch mit ihm ab? Welche Qualitäten braucht man, um ihn zu überzeugen?

Wolodymyr Selenskyj

Ich werde Ihnen nicht alle Geheimnisse verraten, sonst hätte ich keine Karten mehr in der Hand – das ist ein Ausdruck von Donald Trump. Es ist ein Dialog zwischen zwei Personen. Die Amerikaner und die Ukrainer, das sind gewöhnliche Menschen und ich bin mir sicher unsere Völker haben die gleichen Werte. Meiner Meinung nach haben die Amerikaner andere Prioritäten in geopolitischer Hinsicht, aber die USA müssen verstehen, dass die Ukraine wichtig ist für die Sicherheit der Welt.

Interviewer

Emmanuel Macron erklärte gestern, dass die Wiederaufnahme des Dialogs mit Vladimir Putin vorbereitet werde. Finden Sie, dass das der richtige Schritt ist?

Wolodymyr Selenskyj

Wir sind gute Freunde, Emmanuel und ich. Natürlich hat er mich angerufen, um mir zu sagen, dass er über eine Wiederaufnahme des Dialogs mit den Russen nachdenke. Das Interesse Putins ist es Europa zu demütigen. Es ist wichtig, dass Führungspersönlichkeiten daran arbeiten, den Frieden wiederherzustellen. Aber man muss in den Dialog treten – mit Bedingungen. Wenn wir also den Dialog mit Russland wieder aufnehmen, stellt sich nicht die Frage an welchem genauen Tag. Es hätte gestern sein können, wenn der Druck auf Putin ausreichend gewesen wäre, aber er war nicht ausreichend.

Interviewer

Welche Botschaft möchten Sie den Franzosen senden, die Sie heute Abend sehen? Sollen die Franzosen mehr für die Ukrainer tun?

Wolodymyr Selenskyj

Das ist eine Entscheidung, die den Franzosen obliegt. Was uns betrifft, sind wir Ihnen dankbar für die Hilfe, die Sie uns leisten. Je stärker Frankreich ist, desto geringer ist die Chance, dass dieser Krieg zu Ihnen kommt. Das ist meine Botschaft an Frankreich. Danke für Ihre Hilfe und wir zählen auf noch stärkere Unterstützung.

Interviewer

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn wir auf den 4. Jahrestag dieses Krieges am 24. Februar zusteuern? Welches Gefühl dominiert bei Ihnen? Müdigkeit, Wut, Schmerz?

Wolodymyr Selenskyj

Stolz. Zuerst einmal Stolz auf die Ukrainer. Wir sind 40 Mal weniger als die Russen. Aber schauen Sie, wie viel größer unser Volk ist als Russland. Wir sind freier und wir verstehen den Wert des Lebens sehr gut.

Interviewer

Seit 4 Jahren, wie viele Ukrainer sind gestorben? Offiziell auf dem Schlachtfeld – die Zahl der getöteten Soldaten, mobilisierten Leute und Vermissten?

Dieser Krieg seit 4 Jahren – haben Sie Angst, ihn zu verlieren?

Wolodymyr Selenskyj

Natürlich. Wenn wir diesen Krieg verlieren, verlieren wir ganz einfach die Unabhängigkeit unseres Landes. Wenn wir ein Teil Russlands werden, das wäre ein absolut monströser Verlust. Ich bin sicher, dass das nicht passieren wird.

Interviewer

In einem Jahr, wenn wir wieder hier im Präsidialamt sind – wird es Frieden in der Ukraine geben?

Wolodymyr Selenskyj

Wir werden alles tun, was wir können. Das ist unsere Priorität. Meine und die meines Teams.

Interviewer

Um hierher zu gelangen, mussten wir mehrere Sperren und Kontrollpunkte passieren. Uns wurden die Telefone abgenommen, wir wurden mehrfach durchsucht. Haben Sie jeden Tag Angst um Ihr eigenes Leben?

Wolodymyr Selenskyj

Wenn wir von Angst sprechen… Russland hat schon mehrmals versucht, mich zu beseitigen. In gewisser Weise fühle ich nicht mehr die gleiche Angst wie zu Beginn des Krieges. Ich habe mich daran gewöhnt. Es gehört zu meinem Leben.

Interviewer
Danke. Danke Ihnen. Danke, Wolodymyr Selenskyj, dass Sie dieses Interview hier in Kiew angenommen haben. Gleich kommt die Sondersendung Ukraine auf France canal 16. Danke auch an die Teams von France Télévision, die diese Sondersendung hier in Kiew möglich gemacht haben.