Ach, keine Ahnung, wieder so ein Spinner…

23. April 2026

Papst Leo XIV stimm­te im Janu­ar 2026 selbst ein pro­mi­nen­ter Kri­ti­ker der Trump-Regierung in die Kri­tik von J. D. Van­ce ein. In sei­ner Neu­jahrs­an­spra­che vor den beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­ten Bot­schaf­tern sag­te er:

»Es ist bedau­er­lich fest­zu­stel­len, dass ins­be­son­de­re im Wes­ten der Raum für ech­te Mei­nungs­frei­heit immer mehr ein­ge­schränkt wird, wäh­rend sich eine neue Spra­che mit orwell­schem Bei­geschmack ent­wi­ckelt, die in ihrem Bestre­ben, immer inklu­si­ver zu sein, dar­in mün­det, die­je­ni­gen aus­zu­schlie­ßen, die sich nicht den Ideo­lo­gien anpas­sen, von denen sie beseelt ist.«—

Leo XIV

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Beim Vor­ge­hen gegen Des­in­for­ma­ti­on ste­hen in der Regel poli­tisch sen­si­ble, gesell­schaft­lich umstrit­te­ne The­men im Vor­der­grund. Auch hier gibt es den Argu­men­ta­ti­ons­strang, wonach aus­län­di­sche Kräf­te die gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­on mani­pu­lie­ren, um Zwie­tracht zu sähen und das Ver­trau­en in die Regie­rung zu unter­gra­ben. Hier gilt Ähn­li­ches wie bei der Wahl­be­ein­flus­sung aus dem Aus­land. Es ist legi­tim und Auf­ga­be der Diens­te und viel­leicht auch des Mili­tärs, Auf­klä­rung zu betrei­ben und die Öffent­lich­keit über aus­län­di­sche Ein­fluss­ope­ra­tio­nen zu unter­rich­ten. Der Staat soll­te sich dafür tun­lichst ein aus­rei­chen­des Maß an Glaub­wür­dig­keit bewahrt haben. Hat er das jedoch nicht, ist Mei­nungs­un­ter­drü­ckung nicht das Mit­tel der Wahl, da die­se das Ver­trau­en in den Staat nur noch wei­ter schädigt.

Nicht zu recht­fer­ti­gen ist es, media­le Kri­tik an den Zustän­den oder der Regie­rung zu unter­drü­cken, nur weil aus­län­di­sche Stel­len die­se Kri­tik gern auf­grei­fen und wei­ter­ver­brei­ten. [Kei­ne Angst, machen sel­ten, wenn das Argu­ment kom­plex ist.] Die staat­li­che Macht darf nicht ein­ge­setzt wer­den, um legi­ti­me Kri­tik an der Regie­rung zu unter­drü­cken. Wem die­se Kri­tik nützt und gefällt, ist dabei irrele­vant, solan­ge kei­ne ver­bo­te­ne Ein­fluss­nah­me von außen nach­ge­wie­sen wer­den kann.

Der zivi­le Argu­men­ta­ti­ons­strang für ein Vor­ge­hen gegen Des­in­for­ma­ti­on lau­tet, dass soge­nann­te Ver­schwö­rungs­theo­rien und fal­sche Behaup­tun­gen sich im Inter­net auf­grund der Algo­rith­men der Platt­for­men über­mä­ßig stark ver­brei­te­ten. Das füh­re dazu, dass vie­le Men­schen den Kon­takt zur Wirk­lich­keit ver­lö­ren und eine auf­ge­klär­te poli­ti­sche Dis­kus­si­on nicht mehr mög­lich sei.

Die Medi­en­an­stalt Rheinland-Pfalz schrieb dazu bei der Prä­sen­ta­ti­on einer Faktenchecker-Plattform:

»Wenn Men­schen nicht mehr wis­sen, was wahr oder falsch ist, kann das gefähr­lich sein. Es kann zu star­ker Ver­un­si­che­rung und Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit füh­ren und den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt schwächen.«—

Um das zu ver­hin­dern, sei es not­wen­dig, die über­mä­ßi­ge Ver­brei­tung sol­cher Des­in­for­ma­ti­on ein­zu­däm­men. Und zwar durch Druck auf die Platt­for­men, etwas gegen deren Ver­brei­tung zu unter­neh­men und durch Fak­ten­checks, wel­che Des­in­for­ma­ti­on demas­kie­ren. Die Fak­ten­checks soll­ten einer­seits die Öffent­lich­keit infor­mie­ren, vor allem aber die Platt­for­men dabei unter­stüt­zen, die Ver­brei­tung von Des­in­for­ma­ti­on einzudämmen.

Legi­ti­mer staat­li­cher Druck auf die Platt­for­men, gegen die Ver­brei­tung von Des­in­for­ma­ti­on vor­zu­ge­hen, wür­de eine objek­ti­ve Wahr­heits­in­stanz vor­aus­set­zen, die es nicht gibt und nicht geben kann. Nicht von unge­fähr ver­zich­ten die Regie­run­gen libe­ra­ler Demo­kra­tien in aller Regel dar­auf, selbst fest­zu­le­gen, was Des­in­for­ma­ti­on ist und dage­gen vor­zu­ge­hen. Das röche zu sehr nach Wahr­heits­mi­nis­te­ri­um. Das Pro­blem geht aber nicht weg, wenn man statt­des­sen pri­va­te Grup­pen ermäch­tigt, fest­zu­le­gen, was Des­in­for­ma­ti­on ist und in sei­ner Ver­brei­tung ein­ge­schränkt wer­den darf. Die Regie­ren­den kön­nen in die­sem Fall die Grup­pen aus­su­chen, die sie der­art ermäch­ti­gen, und durch staat­li­che Finan­zie­rung Anrei­ze schaf­fen, vor allem Kri­tik an der Regie­rung als Des­in­for­ma­ti­on ein­zu­stu­fen. Wie wir sehen wer­den, geschieht das auch.

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Kon­text:

Debatte: Wie im Westen ein unsichtbares System der Meinungskontrolle entstand

Nor­bert Häring hat ein Buch geschrie­ben, das jeder lesen soll­te: „Der Wahr­heits­kom­plex“. Es zeigt, wie im Wes­ten sys­te­ma­tisch Zen­sur eta­bliert wird.

Wahr­heit“ defi­niert Häring dabei als ein ande­res Wort für „Nar­ra­tiv“, also als eine sinn­stif­ten­de Erzäh­lung. Damit folgt er dem Atlan­tic Coun­cil, einem ame­ri­ka­ni­schen Think­tank, der die trans­at­lan­ti­sche Zusam­men­ar­beit und die Füh­rungs­rol­le der USA in inter­na­tio­na­len Sicherheits- und Wirt­schafts­fra­gen för­dert. „Die Wahr­heit besteht aus Fak­ten, kann aber durch Über­zeu­gun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen beein­flusst wer­den“, schreibt die Denk­fa­brik, die Häring als poli­ti­schen Arm der Nato bezeich­net. Und wei­ter: „So kön­nen zwei Men­schen aus ein und dem­sel­ben Sach­ver­halt zwei ver­schie­de­ne Wahr­hei­ten ableiten.“

Ein Gefühl der Ohn­macht beschleicht einen beim Lesen
Den Beginn des Kamp­fes um die Deu­tungs­ho­heit datiert der Autor auf 2014, dem Jahr, in dem der ers­te Faktenchecker-Gipfel in Lon­don statt­fand und das Nato Strat­Com Cen­ter in Riga sei­ne Arbeit auf­nahm. Eben­falls star­te­te das Recher­che­kol­lek­tiv Cor­rec­tiv und die Bun­des­re­gie­rung leg­te das För­der­pro­gramm „Demo­kra­tie leben!“ auf. Ein zen­tra­ler Akteur in Deutsch­land war der dama­li­ge Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD), der eng mit der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) zusammenarbeitete.

[…]

Da sind die Faktenchecker-Netzwerke, die nicht mehr Fak­ten prü­fen, son­dern Nar­ra­ti­ve zurecht­bie­gen, um die offi­zi­el­le Linie zu ver­tei­di­gen. Da sind die Mel­de­stel­len, die eine Kul­tur der Denun­zia­ti­on för­dern, in der jeder zum poten­zi­el­len Anzei­ger wer­den kann. Da ist die Can­cel Cul­tu­re, die nicht nur im Inter­net, son­dern auch in Hör­sä­len und auf Büh­nen Men­schen zum Schwei­gen bringt, weil ihre Mei­nung nicht in das Ras­ter passt.

Es sind die Wer­be­boy­kot­te, die alter­na­ti­ve Medi­en finan­zi­ell aus­hun­gern, und die Bank­kon­ten, die gekün­digt wer­den, um uner­wünsch­ten Mei­nun­gen die öko­no­mi­sche Basis zu neh­men. Es sind die Biblio­the­ka­re, die Bücher mit Warn­hin­wei­sen ver­se­hen, als wären sie gif­ti­ge Sub­stan­zen, und die Alli­an­zen, die Influ­en­cer und Jour­na­lis­ten in ein Netz aus staat­li­cher För­de­rung span­nen. Und dann ist da der Digi­tal Ser­vices Act (DSA), der als Krö­nung die­ses Sys­tems den Weg ebnet, um Mei­nun­gen zu zen­sie­ren, die gegen kein Gesetz ver­sto­ßen, aber den­noch „schäd­lich“ für die Demo­kra­tie sein sollen.

[…]

Fak­ten, die dem Regie­rungs­nar­ra­tiv wider­spra­chen, wur­den nicht dis­ku­tiert, son­dern als Des­in­for­ma­ti­on geäch­tet. Die Tech-Unternehmen „lösch­ten oder dros­sel­ten alles, was nicht auf Linie der offi­zi­el­len Corona-Verlautbarungen lag“, erläu­tert Häring.

Die­ser Pro­zess war kein Zufall. Er ist Teil einer Stra­te­gie, die im Atlan­tic Coun­cil, in Nato-Papieren und in zahl­rei­chen Plan­spie­len ent­wi­ckelt wur­de. Mitt­ler­wei­le umfasst er so gut wie alle sen­si­blen poli­ti­schen Berei­che, von der Kli­ma­po­li­tik über das Russ­land­bild bis hin zum Ein­fluss auf Wahlen.

Von „der frü­hen Jugend bis hin zur Erwach­se­nen­bil­dung“ sol­len EU-Bürger gegen Des­in­for­ma­ti­on immu­ni­siert wer­den. Im März 2022 ver­ab­schie­de­te das EU-Parlament eine ent­spre­chen­de Ent­schlie­ßung. Medi­en­kom­pe­tenz heißt das Zau­ber­wort, die mit Lern­spie­len wie „Fake It To Make It“ und „Get Bad News“ ver­mit­telt wer­den soll. „Schü­lern wird durch die­se Spie­le antrai­niert, auf­re­gen­de Schlag­zei­len, Emo­tio­na­li­sie­rung und Pola­ri­sie­rung, öko­no­mi­sche Inter­es­sen und Ver­schwö­rungs­theo­rien für Kenn­zei­chen regime­kri­ti­scher oder russ­land­freund­li­cher Medi­en (und nur die­ser) zu hal­ten“, urteilt Häring. Der nie­der­län­di­sche Spiel­ent­wick­ler Ruurd Oos­ter­woud habe „Get Bad News“ erfun­den, nach­dem er fas­sungs­los gewe­sen sei, wie eine Mehr­heit sei­ner Lands­leu­te, irre­ge­lei­tet von rus­si­scher Pro­pa­gan­da, 2016 gegen das Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men mit der Ukrai­ne gestimmt habe.

[…]

Häring urteilt, in der EU wür­den Kri­ti­ker der Regie­rung zuneh­mend nicht als demo­kra­ti­sche Oppo­si­ti­on, son­dern als poten­zi­el­le Kol­la­bo­ra­teu­re aus­län­di­scher Mäch­te behan­delt. Das neue „Euro­päi­sche Zen­trum für demo­kra­ti­sche Resi­li­enz“ soll die Über­wa­chung und Regu­lie­rung des digi­ta­len Raums wei­ter verschärfen.

[…]

Es zeigt uns, dass die Bewah­rung der Mei­nungs­frei­heit nicht nur eine demo­kra­ti­sche Not­wen­dig­keit dar­stellt. Sie ist der Grund­stein für mensch­li­ches Mit­ein­an­der und Wachs­tum. Ver­ste­hen wir uns als Bür­ger einer offe­nen Gesell­schaft oder als Sol­da­ten in einem Pro­pa­gan­da­krieg? Wir haben die Wahl.

Nur wenn alle Mei­nun­gen frei geäu­ßert wer­den kön­nen, ohne Angst vor Sank­tio­nen, Boy­kot­ten oder Denun­zia­tio­nen, kön­nen wir uns der Wahr­heit wirk­lich nähern.

src: click (Ber­li­ner Zeitung)









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